Was Jeff Bezos, die Fed und ich gemeinsam haben
Über eine wichtige Eigenschaft, die Sie an der Börse brauchen
Im Nachgang zu meinen Lesertreffen bekomme ich oft E-Mails der Teilnehmer. Auf eine dieser Rückmeldungen möchte ich heute einmal eingehen. Die E-Mail lautete wie folgt: „Herr Proffe, Sie haben bei Ihrem Vortrag gesagt: ‚Ertragen könnt Ihr das nur, wenn Ihr Humor habt. Am Kapitalmarkt sollte man Humor mitbringen.‘ Ganz ehrlich? Wenn man einen fünfstelligen Betrag an der Börse verloren hat, ist nichts mehr witzig. Da hört der Spaß auf.“
Ich verstehe diese Reaktion sehr gut. Denn natürlich war mit meiner Aussage nicht gemeint, dass man über massive finanzielle Verluste einfach lachen oder sie weglächeln sollte. Und schon gar nicht ging es mir darum, ernsthafte Krisen oder Sorgen ins Lächerliche zu ziehen. Aber ich bleibe trotzdem bei meinem Statement – und möchte Ihnen in diesem Blog-Beitrag gerne erklären, was ich damit meine.
Denn Humor – und das zeigt nicht nur die Psychologie – ist eine mentale Stärke. Humor hilft uns, Krisen besser zu verkraften, schwierige Phasen durchzustehen – im Leben ebenso wie an der Börse. Wie das genau funktioniert und was die US-Notenbank damit zu tun hat, erfahren Sie in diesem Blog-Beitrag.

Eine Eigenschaft, zwei Erklärungsansätze
Ich finde, dass Humor eine der wunderbarsten menschlichen Eigenschaften ist. Ich selbst bin mit einer ordentlichen Portion davon ausgestattet und glücklicherweise bin ich in meinem privaten und beruflichen Umfeld von zahlreichen Menschen umgeben, die über Humor verfügen. Doch was genau ist eigentlich damit gemeint, wenn man sagt, dass jemand Humor mitbringt?
Allgemein versteht man unter Humor die Fähigkeit, in fast jeder Situation etwas Lustiges zu erkennen und andere (oder sich selbst) zum Lachen zu bringen. In der Psychologie gibt es dafür unterschiedliche Erklärungsansätze. Zwei der bekanntesten sind die Inkongruenz-Theorie und die Entlastungs-Theorie.
Die Inkongurenz-Theorie besagt, dass das Unerwartete oder Überraschende das wesentliche Element von Humor ist. Wir lachen vor allem dann, wenn unsere Erwartungen plötzlich auf den Kopf gestellt werden – zum Beispiel, wenn ein Witz mit einer unvorhersehbaren Pointe endet.
Die Entlastungs-Theorie wiederum betrachtet Humor als eine Art Ventil. Humor ermöglicht es uns, aufgestaute Anspannung und nervöse Energie abzubauen. Und als ich beim Lesertreffen davon sprach, dass man am Kapitalmarkt Humor mitbringen sollte, dann meinte ich genau das – denn Anspannung und Nervosität gibt es an der Börse ja nicht gerade selten.
Mehr als nur Spaß

Wir alle kennen das doch: In angespannten Momenten kann ein gut platzierter Scherz die Stimmung schlagartig lockern. Tatsächlich belegen psychologische Studien, dass Lachen und Humor handfeste positive Effekte auf Psyche und Körper haben. Ein herzhaftes Lachen stimuliert Herz und Lunge, setzt Endorphine frei, senkt den Blutdruck und entspannt uns. Ein humorvoller Spruch kann uns dabei helfen, Abstand zu unseren Ängsten und Sorgen zu gewinnen. Und das führt dazu, dass uns unsere Probleme gleich weniger bedrohlich erscheinen.
Humor ist also so etwas wie ein Airbag unseres Lebens: Er fängt die Stöße des Alltags ab und lässt uns auch holprige Lebensphasen weicher überstehen. Auch mir persönlich hat schon in so manch turbulenter Lage ein ehrliches Lachen geholfen, die Situation zu entschärfen und den Blick fürs Wesentliche wiederzufinden. Und deswegen kann ich dem folgenden Zitat der Schauspielerin Cordula Stratmann vollkommen zustimmen. Sie sagte folgendes zum Thema Humor: „Dabei meine ich es mit dem Humor wirklich ernst: Wir brauchen den so dringend wie Wasser. Ohne Heiterkeit kriegen wir dieses Leben nicht gelebt.“

Humor in der Finanzkrise?
Vor drei Jahren erschien eine interessante Studie eines Forscherteams der University of California, die sich mit Humor in Krisenzeiten befasst. Untersucht wurde dieses Phänomen während der globalen Finanzkrise von 2007 anhand des Verhaltens des Federal Open Market Committees (FOMC), dem für geldpolitische Entscheidungen zuständigen Offenmarktausschuss der US-Notenbank.
Die 19 Mitglieder dieses Ausschusses kamen in den kritischen Phasen vor und nach dem Börsencrash zu 41 Treffen zusammen. Bei diesen Zusammenkünften wurden von den Wissenschaftlern im Rahmen ihrer Analyse insgesamt 977 Fälle von Humor identifiziert.
Wenig überraschend dürfte es sein, dass der Einsatz von Humor bei den FOMC-Sitzungen tendenziell mit den Marktbedingungen korrespondierte. Denn wenn es gut läuft am Kapitalmarkt, wird logischerweise mehr gelacht als in Krisenzeiten. Allerdings zeigte die Studie auch, dass der Einsatz von Humor mit dem Finanzcrash von 2007 nicht völlig aufhörte. Es veränderten sich lediglich die Art und die Zielsetzung des Humors.

Die Untersuchung ergab, dass die FOMC-Mitglieder im Verlauf der Krise anscheinend vermehrt spielerische Scherze untereinander verwendeten, um Stress abzubauen, Kompromisse zu unterstützen und den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe zu stärken. Die Studie konnte zudem zeigen, dass Gruppen mit der Zeit ein humorfreundliches Klima entwickeln, welches dabei helfen kann, Ängste abzubauen, das Gefühl der Kontrolle zu stärken und die Produktivität zu erhöhen. Für das einzelne Gruppenmitglied verschafft der Humor damit den nötigen emotionalen Freiraum, um sich bei komplexen Handlungsabläufen die nächsten sinnvollen Schritte zu überlegen.
Humor in der Unternehmensführung
Dass Humor auch in Wirtschaftsunternehmen eine wichtige Eigenschaft darstellt, zeigt uns ein Blick auf unsere Trendfolger. Mit meiner Anlagestrategie investiere ich bekanntlich gezielt in Unternehmen wie Amazon, Apple, Nvidia, Microsoft oder TSMC – das alles sind starke Trendfolger.
Und wenn wir uns einmal anschauen, wie die Gründer dieser Unternehmen ticken, dann stellen wir fest, dass Humor in unterschiedlicher Ausprägung bei fast allen eine wichtige Rolle spielt. Nehmen wir zum Beispiel den Microsoft-Gründer Bill Gates. Er setzt Humor für gewöhnlich strategisch ein, um schwierige Themen zugänglich zu machen und sein Publikum bei ernsten Anliegen mitzunehmen. Spontan denke ich da an seinen Auftritt in der Late Show von David Letterman aus dem Jahr 1995 und seinen Versuch, dem Talkshowmann das damals noch ziemlich unbekannte Internet zu erklären – sehr visionär und einfach nur legendär!

Auch der Apple-Gründer Steve Jobs verstand sich auf Humor. Mit inszenierten Pointen und spontanen Witzen machte er die Präsentationen neuer Apple-Produkte lebendig und nahbar. Er schaffte es, durch eine humorvolle Inszenierung seine Kunden und Fans zu begeistern und die Marke Apple mit Persönlichkeit zu füllen.
Und Amazon-Gründer Jeff Bezos ging sogar so weit, dass er Humor und Spaß als Teil der Unternehmenskultur etablierte. Der bekannte Amazon-Slogan „Work Hard, Have Fun, Make History“ unterstreicht diese Idee, dass Spaß an der Arbeit nicht nur ein Nebeneffekt ist, sondern ein wesentliches Element der Firmenkultur.

Mit Humor an die Börse
Auch hier in den Blog-Beiträgen lesen Sie mit schöner Regelmäßigkeit, wie wichtig Ruhe, Humor und starke Nerven für den Anlage-Erfolg sind.
Diese Eigenschaften helfen uns, auch in stürmischen Börsenzeiten besonnen und strategisch zu handeln, statt vorschnelle Fehlentscheidungen zu treffen. Genau das habe ich gemeint, als ich beim Lesertreffen davon sprach, dass Sie am Kapitalmarkt Humor mitbringen sollten.
Zum Schluss möchte ich noch einmal kurz auf die Studie der University auf California zurückkommen. Denn die Forscher konnten belegen, dass etablierte Arbeitsgruppen in komplexen Situationen Humor gezielt als Mechanismus zur Anpassung an neue Umstände nutzen können. Und strenggenommen sind Sie, liebe Leserinnen und Leser meiner Börsendienste, und ich, doch auch nichts anderes als eine „etablierte Arbeitsgruppe“, oder? Lassen Sie uns also weiterhin gemeinsam der komplexen Börsenwelt etwas mehr Humor entgegensetzen! Und wer sich daran und an die konkreten Empfehlungen aus meinen Börsendiensten hält, der läuft auch nicht Gefahr, einen fünfstelligen Betrag an der Börse zu verlieren. 😉